Sommer der Entschleunigung

Ich blickte von meinem Notebook auf. Das kleine Lagerfeuer war fast erloschen. Ich sah nichts. Nur Finsternis. Unheimlich. Kein Internet. Kein Handyempfang. Kein Straßenlärm. Keine dumpfe Musik von irgendeiner WG-Party. Nur dunkler Wald.

Ein Gastbeitrag von Timm

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Plötzlich war mir mulmig. Ich klappte das Macbook zu und versuchte, meine Augen an die Finsternis zu gewöhnen. Zum nächsten Ort sind es viele Kilometer.

Eigentlich kann hier niemand sein. Eigentlich …

Feierabend für heute und ab ins „Bett“

Ich glaube, das war die einzige Nacht, in der ich den Bulli von innen komplett verriegelte. Am nächsten Morgen sah der Wald wieder freundlicher aus. Ich wachte spät auf und musste mich beeilen.

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Ich machte nur eine kleine Runde Frühsport. Kaffee. Und ab in den Bulli, um zur Hochschule zu düsen. Es waren Semesterferien. Kaum ein Mensch hielt sich im Hochschul-Gebäude auf. Mein Glück. So hatte ich das Bad für mich alleine.

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Frisch geduscht stieg ich die Treppen hinauf in den 3. Stock. Geschafft. Pünktlich um 10 Uhr stand ich an der Bibliothekstür. Nun verfügte ich für genau vier Stunden über einen Schreibtisch, Strom und Internet. Ich bin selten so effektiv, wie ich es in diesen vier Stunden war. Überstunden gab es nicht.

Punkt 14 Uhr schlossen sich die Pforten der Bibliothek und ich sprang wieder in den Bulli.

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Stop, stimmt nicht. Meist hockte ich noch 20 Min. mit dem Notebook irgendwo im Flur und nutzte das WLAN, um auf Google Earth die Umgebung nach Seen, Bächen, Sackgassen und Süd-Hang-Lichtungen zu durchsuchen. Einfach mal losfahren und suchen läuft nicht. Zu viel unnötige Abgase – und zudem gibt es wirklich wenige abgelegene Plätze, die mit dem Auto angefahren werden dürfen.

Überhaupt sollte man beachten: In Deutschland gibt es eine Menge wachsamer Nachbarn. Gefühlt wird jeder Weg in den Wald von einem Aussiedlerhof überwacht. Eines abends, ich hatte gerade einen ruhigen Platz zum Parken gefunden und kaum meine Hängematte aufgehängt, rollte auch schon ein Rollerfahrer mit finsterem Blicke heran. Der Typ zog sein Handy und machte Bilder von mir und dem Bulli. Hmmm. Komische Nummer dachte ich mir und ging skeptisch auf den Paparazzi zu. Nach 20 Minuten fröhlichem Gespräch wusste ich, was ihm anfänglich zu schaffen machte.

Oftmals nutzten Leute den Weg in den Wald, um Schutt abzuladen. Und auch Wilderer würde es hin und wieder geben. Seitdem habe ich, wenn ich in der Nähe eines Hauses parkte, mich direkt bei den neuen Nachbarn vorgestellt und gefragt, „Ob es wohl jemanden störe, wenn ich mit meinem Bulli in der Nähe parken würde?“

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Ist dir nicht langweilig, so ganz alleine im Schwarzwald?

Häufig gehört. Stetig verneint. Aber klar. Natürlich stellte ich mir die Frage:

Warum mach ich das?

Eigentlich war ich auf der Suche nach Abenteuer. Ausbrechen aus gewohnten Bahnen. Verrückte Geschichten, abgefahrene Begegnungen.

Letztendlich war da gar nicht so viel Abenteuer. Sondern viele ruhige Tage zum Nachdenken. Zur Ruhe kommen. Wie ein langgestreckter Saunabesuch. Klar, manchmal schweißtreibend. Manchmal arschkalt. Aber letztendlich sehr erholsam. Aber was genau war denn nun so erholsam?

Keine Scheu vor Ruhe. Die macht manchmal ihr eigenes Ding.

Der Mix aus Natur, wenig Technik und viel freier Zeit mit “wenigen” Möglichkeiten. So wurde ich ein Stück weit zur Ruhe gezwungen. Ach so. Nein, ich hab keine depressiven Verstimmungen und fühle mich auch nicht überarbeitet oder dauergestresst. Dennoch tat die viele Zeit gut. Ich konnte über Sinn und Unsinn sinnieren und ohne dass ich es so richtig plante, veränderten sich einige meiner Einstellungen und Verhaltensweisen.

  • Wie viel Zeug brauche ich? Muss alles Neue neu sein?
  • Was ist der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit?
  • Sinne kultivieren. Bewusster sehen, hören, riechen, schmecken.
  • Was tut mir gut? Und warum? Was macht mich müde?
  • Was lenkt mich ab? Was stört meine Konzentration auf den Moment?
  • Was kommt mir in den Kopf, wenn ich mich auf nichts konzentriere?

Nachmittags, wenn ich den Bulli an einem ruhigen Ort irgendwo möglichst fernab der Zivilisation parkte, hatte ich genug Zeit, mich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen.

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Aber natürlich lag ich nicht nur sinnierend in der Hängematte. Hier meine Liste an Aktivitäten, die ich häufig machte. Ich freue mich über neue Bulli-Büro-Freizeit-Tipps …

Lesen | Schnitzen | Feuer machen und sämtliche Lebensmittel an einem Stock garen/flambieren | Laufen | Baden | Angeln | Kochen | Skaten | Zeichnen | Natur oder Musik hören | Riechen | Pläne schmieden | Jonglieren | Fotografieren

Abends am Lagerfeuer wurde dann häufig noch eine Akkuladung gearbeitet. Ohne Internet war hier eher Zeit für kleinere Videoschnittarbeiten, Blogartikel, Storyboards, Drehbücher, Workshop-Vorbereitungen, Brainstormings, Layouts. Meist saß ich dazu im „Chilli-Willi-Campingstuhl“ (sowas in der Art). Vor dem nächsten Bulli-Büro-Trip werde ich aber noch mal ausgiebig beim Händler meines Vertrauens probesitzen und investieren. Außerdem nutzte ich ein „Zocker-Brett“ – so hieß das zumindest auf meinen LAN-Partys. Einfaches, leichtes Brett, ca. 100cm x 35cm x 3cm, das auf die Armlehnen des Campingstuhls gelegt wird, um Notebook und ggf. Maus darauf ablegen zu können.

Im Nachhinein war mein zweimonatiges Bulli-Büro-Experiment ein für mich sehr gelungener „Sommer der Entschleunigung“. Auch wenn mir vor lauter Abgelegenheit und Einsamkeit manchmal mulmig wurde – wie an dem einen Abend am Lagerfeuer – bin ich froh, mich dieser Ruhe ausgesetzt zu haben.

All zu oft sträube ich mich vor Ruhe, liebe es, viel zu tun zu haben und von einer Verabredung zur Nächsten zu düsen, um abends zu sehen, was ich alles geschafft habe. Die Momente der Ruhe (Ich glaube manche Philosophen nennen diese Ruhe „Muße“, also völlig zwecklos, aber höchst sinnvoll verbrachte Zeit) haben mir geholfen, den ein oder anderen Wert und so manche Einstellung neu zu eichen. 

Hier noch ein paar Schnappschüsse:

Lesen mit Panoramablick

Lesen mit Panoramablick

 

Joggen an den schönsten Ecken des Schwarzwaldes

Joggen an den schönsten Ecken des Schwarzwaldes

 

Aufwachen in einem Freiburger Neubaugebiet

Aufwachen in einem Freiburger Neubaugebiet

 

Regenbogenforelle mit Reisnudeln

Regenbogenforelle mit Reisnudeln

 

Ganz wichtig: Kaffee

Ganz wichtig: Kaffee

 

Sonnenuntergang an einem Schwarzwaldbach

Sonnenuntergang an einem Schwarzwaldbach

 

Parken an einem Hang mit Blick über Freiburg

Parken an einem Hang mit Blick über Freiburg

 

Frühstücken mit Blick über Freiburg

Frühstücken mit Blick über Freiburg

 

Freue mich über Feedback und neue Bulli-Büro-Impulse!

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